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Lesejahr A 2016/12 bis 2017/11

Predigt - Homilie am 19.So.A2017 in ULF Dormitz

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Habt Vertrauen, ich bin es, fürchtet euch nicht!

1 Das Boot der Jünger Jesu im Gegenwind
Der Text des heutigen Evangeliums hat mich schon immer stark berührt. In einer Art Vorahnung ließ ich mir die Szene, da der auf dem Wasser wandelnde Jesus den versinkenden Petrus vor dem Untergang rettet, von meinem Großvater gestiftet als Primizbild malen.
1.1 Jesus selbst schickt seine Jünger los, ans andere Ufer zu fahren

Dabei kommen sie bei Gegenwind nur schwer voran. Jesus selber zieht sich auf einen Berg zurück, um in der Einsamkeit zu beten. Jesus betet zum Vater - während die Jünger sich abmühen.
"Das Boot war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin- und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind." [2]
Auf der Fahrt zum anderen Ufer - durch die Menschheitsgeschichte vom Diesseits zum Jenseits - bläst uns als Kirche oft widriger Wind ins Gesicht. Wir mühen uns ab, und kommen kaum voran.
Die mit der Kirche Lebenden werden weniger. Viele sind nur mit sich selbst beschäftigt. Solange alles läuft,  brauchen sie Gott nicht. Wenn überhaupt noch, dann unter ferner liefen. Und doch - Jesus schickt uns - seine Jünger - durch Gegenwind und Sturm zum jenseitigen Ufer des Lebens.
1.2 Im Boot der Kirche durch die Stürme unserer Zeit
Eltern und Großeltern, die versuchen, den Glauben an ihre Kinder und Enkel weiterzugeben, müssen erleben, dass diese andere Wege gehen. Nicht wenige Jugendliche und junge Erwachsene stehen der Kirche mit Unverständnis, ja Ablehnung gegenüber. Die Säkularisierung aller Lebensbereiche greift immer mehr um sich. Der christliche Glaube scheint im Nebel der Gleichgültigkeit zu verdunsten. Viele gläubige Christen quält die Frage: Wie wird es mit der Kirche und mit uns weitergehen?
Im Evangelium heißt es:  Während die Jünger sich abmühen und ängstliche Fragen sie bedrängen, betet Jesus für sie, für uns, zum Vater.
2   Jesus kommt zu seinen Jüngern
Genau in dieser Situation des Gegenwindes, dem vergeblichen Sich-Abmühen, der Angst unterzugehen, kommt Jesus zu seinen Jüngern - zu uns.
Die Jünger reagieren mit Angst und Entsetzen, weil er auf ungewöhnliche, unerwartete, fast gespenstische Art und Weise zu ihnen kommt.
Und wie reagieren wir in der gegenwärtigen Situation der Kirche bei uns in Deutschland? Begegnen wir den Umbrüchen unserer Zeit nur mit Angst und Pessimismus? Ist unser Antwort auf die Angriffe von Kritikern oder von den Feinden der Kirche nur Bitterkeit und Resignation? Ducken wir uns einfach weg?
Wie reagieren wir, wenn es bei uns ans Eingemachte geht -  plötzlich liebe Menschen krank werden oder gar sterben? Wenn Ehen zerbrechen, weil das Gebot Gottes nicht mehr ernst genommen wird? Wenn der Nachbar oder die Kollegin aus der Kirche austreten?
Das Evangelium will uns deutlich machen, dass Christ und Kirche-sein auch bedeuten kann, von den Stürmen der Zeit und des Lebens, dem Aufruhr des Denkens, hin- und her geworfen zu werden. Und dabei das jenseitige Ufer aus den Augen zu verlieren.
Glauben wir daran, dass gerade in dieser Situation der Herr zu uns kommen kann, ja kommen wird? Wie damals ruft Jesus uns zu:
"Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht."
3 Mit Petrus das Vertrauen lernen
3.1  Petrus kann nicht warten, bis Jesus im Boot angekommen ist
Er ist von Jesus so fasziniert, dass er alle Gefahr vergisst und das gemeinsame Boot der Jünger verlässt. Das gibt es ja auch heute: Menschen, die von Jesus fasziniert sind, aber mit der Kirche nichts am Hut haben.  Es scheint ihnen auch ohne Kirche gut zu gehen. Sie verhalten sich so als könne das Haupt ohne den Leib sein, an dem sie Glieder sind.
3.2 Jesus ist das Haupt und die Kirche ist sein Leib
Als Petrus außerhalb des Bootes die Heftigkeit des Windes und die Gefährlichkeit des Wassers spürt, verlassen ihn Glaube und Mut. Er geht unter. Außerhalb des Bootes trägt das Wasser nicht, geht es nur noch um ihn selber. Nur nicht untergehen! Zum Glück kommt dem Petrus der über das Wasser gehende Jesus zu Hilfe.
Wer meint die Liebe zu Jesus genüge und er brauche die Kirche nicht, der täuscht sich. Denn außerhalb des Bootes wird die uns bedrohende Wirklichkeit noch intensiver. Schnell geraten wir in Gefahr, von den wogenden Wellen des Lebens so in Anspruch genommen zu werden, dass wir Jesus aus dem Blick verlieren und untergehen.
In aller unserem Glauben und unserem Leben drohenden Gefahr dürfen und sollen wir
3.3 Wie Petrus schreien: "Herr, rette mich!"
Dann ergreift uns seine Hand. Und er sagt uns: "Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?" Jesus bringt den Petrus und auch uns ins Boot zurück. Und was geschieht?  „Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.“
Von Petrus lernen wir, dass unser Glaube nicht stark genug ist, um allein, ohne Kirche, auf Jesus zuzugehen. Wie er brauchen auch wir die Sicherheit des Bootes, der Jüngergemeinschaft, der Kirche.
Wenn Christen das Boot der Kirche verlassen, so tun, als bräuchten sie die Kirche nicht, als gäbe es Jesus ohne Kirche, ohne die Verbindung mit der Jüngergemeinschaft, werden sie über kurz oder lang im Glauben schwach und untergehen,
3.4 Nicht jammern, sondern beten und opfern
Es nützt wenig, wenn wir über die schlechten Zeiten und die böse Welt klagen. Die Folge ist, die Angst zerfrisst uns und Christus verblasst immer mehr zur Unwirklichkeit. Er wird zum Gespenst. So erlebten zunächst die Jünger den auf der stürmischen See kommenden Jesus.
Wir leben seit Jahrzehnten in einer Weltgegend und geschichtlichen Stunde, wo man meinte, alles wäre machbar. Ich denke, der Herr will uns durch den widrigen Wind der unserer Gesellschaft und vor allem uns als Christen ins Gesicht bläst, darauf aufmerksam machen, dass all unser Bemühen, das Sich-Abstrampeln, unser hektisches Arbeiten und Planen, unsere vielen Sitzungen, unsere Betriebsamkeit nichts helfen.
Edith Stein, die Heilige der vergangenen Woche sagte 1933 bei ihrem Eintritt ins Kloster zur Priorin angesichts der beginnenden unmenschlichen Diktatur der Nazis „Nicht die mensch­li­che Tä­tig­keit kann uns hel­fen son­dern das Lei­den Chri­sti. Dar­an An­teil zu ha­ben, ist mein Ver­lan­gen.“ Im Beten des Barmherzigkeitsrosenkranzes verbinden wir uns mit dem in seinen verfolgten und getöteten Gliedern leidenden Christus.
Denken wir immer daran
3.5 Jesus ist das Haupt und das Leitbild der Kirche
Vielleicht müssen wir noch viel härter und bitterer die Vergeblichkeit unserer Bemühungen spüren, damit wir nicht das Leben der Kirche unserem Fleiß und unserem Geschick, anstatt seinem Kommen und seiner Gegenwart zuschreiben.
Es lässt uns aufhorchen, wenn es im Evangelium heißt:
"Als sie ins Boot gestiegen waren - legte sich der Wind."
Die Gemeinschaft der Jünger mit Jesus im Boot lässt uns den Gegenwind aushalten und überwinden. Das ist Kirche.
  Wie reagieren die Jünger auf diese Erfahrung?
"Die Jünger im Boot fielen vor ihm nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn." [3] Allein in Jesus und durch ihn ist Gottes Kraft und Geist, ist Gottes Reich in unserer Mitte. Was wir also brauchen ist
4 Eine verinnerlichte Kirche, die ganz nah bei Jesus ist und durch ihn die Angst überwindet.
4.1 Wo und wie finden wir das Heil?
Als Kirche, als Jüngergemeinschaft dürfen wir unser Heil nicht in der Betriebsamkeit suchen. Wir müssen still werden vor unserem Gott und in großer Ehrfurcht auf ihn hinhorchen, dann wird er uns wie dem Elija in der Lesung begegnen.
Betend und meditierend müssen wir auf ihn warten. Ihn lobend und dankend anerkennen als unseren Herrn, von dem in Jesus Christus allein Heil und Rettung kommen.
Wenn wir so Kirche sind, werden wir in der Hektik der Zeit, im Wirrwarr der Meinungen und in den Kämpfen der Interessen weltlicher und kirchlicher Gruppen nicht untergehen.
4.2 Das Heil im auferstandenen Christus finden
In dem Augenblick, wo wir uns dem auferstandenen Herrn anvertrauen, glätten sich die Wogen. Diese Erfahrung habe ich schon oft gemacht. Nicht dass sich nach außen hin viel ändert. Die Welt wird weiter toben. Aber wenn wir uns auf den verlassen, der Jesus von den Toten auferweckt und zum Herrn des Alls gemacht hat, werden wir im Boot der Kirche sicher ans Ziel kommen.
Als der Nachfolger des heiligen Petrus, Papst Benedikt 2005 auf dem Schiff zum Weltjugendtag nach Köln kam, hat er die jungen Menschen und uns alle daran erinnert, dass wir voll Zuversicht mit ihm um Jesus im Boot der Kirche versammelt furchtlos durch das Meer der Geschichte fahren können.
Wie Petrus werden wir erfahren, dass bei allem Hin- und Her, allem Wirrwarr und aller Vergeblichkeit, er uns an die Hand nehmend vor dem Untergang rettet und uns im Boot der Kirche bergend sicher zum jenseitigen Ufer führt.
4.3 Das Geheimnis der Gegenwart Gottes
Wie über Elija braust auch über uns der Sturm und das Feuer der Weltgeschichte hinweg. Wir stehen wie er vor dem großen Geheimnis der Gegenwart Gottes mit verhülltem Gesicht.
Unseren leiblichen Augen nicht sichtbar, unseren Ohren kaum hörbar, aber den Ohren des Herzens sich wie leises Säuseln oder wie Martin Buber übersetzt, sich offenbarend in verschwebendem Schweigen. Der große - vor 2300 Jahren lebende Weise Chinas Laotse -hat es für alle Zeiten einprägsam gesagt „Die größte Offenbarung ist die Stille. Rückkehr zur Wurzel heißt Stille.“ In der Stille beim Herrn sein, Aug und Ohr verschließend vor dem Getue und dem Lärm Welt. Das stillt den Sturm, gibt unserem Leben eine zielsichere Perspektive.
Wenn wir wie Petrus mit Jesus wieder ganz im Boot der Kirche sind, legt sich der das Vorankommen hindernde Wind.
Wie die Jünger im Boot werden wir vor dem in der heiligen Wandlung oder im Tabernakel unter des Gestalt des Brotes verborgenen Herrn niederknien und anbetend sprechen: "Wahrhaftig du bist Gottes Sohn."

[1] Homilie zu Mt 14, 22-33
[2] Mt 14,24
[3] Mt 14,33