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Lesejahr A 2016/12 bis 2017/11

Predigt - Homilie am Fest Taufe Jesu in Dormitz ULF

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WER IST JESUS FÜR MICH?[1]
1. Ein König – wie sollte er sein?
Im Kleinkindergottesdienst am Christkönigsfest fragte ich einmal bei der Ansprache die Kinder „Wie sollte nach ihrer Meinung nach ein König sein?“ Einer sagte: "Gut sollte er sein." Ein anderer: "Hauen sollte er uns nicht".
Dann fragte ich "Wie müsste denn ein König sein, dem ihr gerne dienen möchtet?" Ganz weit hinten meldete sich ein Junge von 5 bis 6 Jahren, laut rief er “Wie Jesus müsste er sein.“
Was musste Jesus für diesen Jungen bedeuten, dass er eine solche Antwort spontan geben konnte!
Seine Eltern scheinen die mit der Taufe ihres Kindes übernommenen Aufgabe ernst genommen zu haben, ihr Kind im Glauben zu erziehen, d.h. ihr Kind mit Jesus bekannt zu machen, ihm vorzuleben, was das heißt in der Freundschaft, mit Jesus zu leben.
2. „Wer ist Jesus für mich?"
Diese Frage kann niemand an meiner Stelle beantworten. Aber auch das Suchen und Ringen um eine Antwort auf diese Frage kann uns niemand abnehmen, keine kirchliche Instanz, auch nicht die biblischen Schriftsteller.
Was geben denn die biblischen Schriftsteller wieder, die Propheten des ersten Testaments, die Evangelisten, wenn sie von Gott und von Jesus sprechen? Geschenkte Erfahrungen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.
Und sie laden uns ein, uns auf Gott und  auf seinen Messias Jesus einzulassen und  unsere eigenen Erfahrungen mit ihm zu machen. Sie ermutigen uns, bei uns selbst, in unserem Leben Erfahrungen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu entdecken, die uns im Leben mit Gott und in  der Freundschaft mit Jesu zuteil geworden sind.
3. Die Heilige Schrift ist voll von solchen Erfahrungen.
3.1 In prophetischer Schau schildert Jesaia den Messias als Gottesknecht.
Hinter dieser Schau steht die Erlösungssehnsucht Israels, die Sehnsucht nach der Liebe und der Barmherzigkeit Gottes. Die neutestamentlichen Schriftsteller haben diese Schriftstelle aus dem Propheten Jesaja auf Jesus bezogen, weil sie erfahren hatten, diese Schriftstelle hat sich in Jesus erfüllt. Ja, so war er! Dies wahrnehmend steigt in mir die Frage auf:
3.2 Wer ist Jesus für mich?
3.2.1 Jesus ist leise, er schreit und lärmt _ nicht. Sagt mir das etwas?
Wie wäre das: So leise sein zu können; den anderen, sich selbst, wirklich wahrzunehmen im tiefsten Sinn des Wortes; seine Sorgen, seine Nöte, seine Wünsche, seine Sehnsüchte, seine Träume ernst zu nehmen? Sich nicht gelangweilt oder genervt  abzuwenden. So leise sein zu können nicht nur mit der Stimme, sondern auch mit einem hörenden Herzen anwesend zu sein.
3.2.2 Jesus bricht das geknickte Rohr nicht, löscht den glimmenden Docht nicht aus - trifft mich das?
Wie wäre das: Ehrfurcht vor dem kleinen Funken Hoffnung im anderen, dem letzten Rest des Glaubens, dem nur ansatzweise wahrnehmbaren guten Willen; nichts zertreten, niemand unterdrücken, an die Wand spielen, sondern Hoffnung entfachen, wachrufen, ermutigen, mit der Glut meiner von Gott geschenkten Liebe neu entzünden! O wie weit sind wir, bin ich davon noch entfernt!
3.2.3 Jesus wird nicht müde und bricht nicht zusammen,
bis er auf Erden das Recht begründet hat. Sein Beispiel möchte mich aufrichten und stärken. Darum werde ich Jesus um seinen in Gott gründenden Mut bitten, trotz Anfeindung und Drohung, den als richtig erkannten Weg weiterzugehen. Auch wenn die Mehrheit den bequemen Weg geht, der wie Jesus sagt, ins Verderben und in die Hölle führt.
Wir dürfen uns nicht ducken vor Gemeinheit und Bosheit, vor Unbarmherzigkeit und Hass.
In der Freundschaft mit Jesus werden wir das Unrecht mutig beim Namen nennen, für den Schutz des menschlichen Lebens vom Augenblick der Zeugung bis zu seinem natürlichen Ende eintreten und die gottgeschenkte Würde des  Menschen verteidigen. Auch wenn wir deswegen verhöhnt und in die rechte Ecke gestellt werden – die richtige Ecke in der Gott steht.
Wer ist Jesus für mich?
3 2.4 Jesus stellt sich bei der Taufe im Jordan auf die Seite der Sünder - trifft mich das?
Er der Reine stellt sich auf die Seite derer, vor Gott und den Menschen veragen. Ich werde vor anderen eingestehen, dass ich ein Sünder bin und Umkehr und Vergebung ständig nötig habe. So kann ich andere ermutigen, Umkehr und Vergebung zu suchen.
Ich werde mich vor die stellen, die von anderen fertig gemacht werden, weil sie einen Fehler gemacht haben, schuldig geworden sind.
Ich werde den selbsternannten und  selbstgerechten die öffentliche Meinung manipulierenden Richtern kein Gehör schenken, wenn es ihnen vor allem darum geht, die angegriffene Person zu vernichten.
Immer werde ich in solchen Situationen Jesus fragen, was würdet du jetzt sagen oder tun?
3.2.5 Jesus der geliebte Sohn des Vater, an dem er sein Wohlgefallen hat - geht mir das zu Herzen?
Es wäre gut, wenn ich versuchte, in Jesus, in seinem Reden, in seinem Handeln, in seiner ganzen Art, die Liebe Gottes wieder neu  zu entdecken?
Zu Beginn der Passion hat Petrus noch geschworen Jesus nicht zu kennen. Nach der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn geht ihm das wahre Wesen Jesu auf.
Petrus erinnert seine Zuhörer und uns, was nach der Taufe Jesu durch Johannes im ganzen Land Wunderbares an den Menschen durch Jesus geschehen ist: „wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm.“[2]
Weit sind das Herz und das Denken des Petrus durch Jesus geworden. Er erkennt, dass Gott durch Jesus sein Heil nicht nur Israel schenkt, „sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“[3]
In der Begegnung mit Jesus entdecken wir,
4 Die Erlösung und das Heil gelten nicht nur mir, sondern allen Menschen.
4.1 Durch die Taufe sind wir eingegliedert in den Leib des auferstandenen Christus
Daraus folgert Papst Franziskus in seinem apostolischen Schreiben »Evangeli Gaudium - die Freude des Evangeliums«[4] „Kraft der empfangenen Taufe ist jedes Mitglied des Gottesvolkes ein missionarischer Jünger geworden.“[5]
Wir meinen ja fälschlicher Weise, missionarisch tätig sein, sei die Aufgabe der Priestern und Ordenschristen. Schon Paul VI sagte, Mission sei nicht die wichtigste, sondern
4.2 „Mission ist die einzige Aufgabe des Christen“
Papst Franziskus legt uns dies unmissverständlich ans Herz. „Jeder Getaufte ist, unabhängig von seiner Funktion in der Kirche und dem Bildungsniveau seines Glaubens, aktiver Träger der Evangelisierung“.
Wir können uns nicht damit hinausreden, wir seien nicht qualifiziert für diese Aufgabe, es fehle uns die theologische Ausbildung, und wie die Ausreden alle heißen mögen. Jeder Getaufte hat bei der Evangelisierung eine „tragende Rolle“.
4.3 Die einzige Voraussetzung für die missionarische Tätigkeit
Ich muss „die rettende Liebe Gottes“ durch Jesus selber erfahren haben. Papst Franziskus: „Jeder Christ ist in dem Maß Missionar, in dem er der Liebe Gottes in Jesus Christus begegnet ist; wir sagen nicht mehr, dass wir „Jünger“ und „Missionare“ sind, sondern immer, dass wir „missionarische Jünger“ sind.“
Das Jünger-sein ist also die Quelle der Inspiration und des Mutes missionarisch im Alltag tätig zu sein.
Die Begeisterung für die Mission kann aber auch verloren gehen, „wenn wir vergessen, dass das Evangelium auf die tiefsten Bedürfnisse der Menschen antwortet. Denn wir alle wurden für das erschaffen, was das Evangelium uns anbietet: die Freundschaft mit Jesus und die brüderliche Liebe.“[6]
Das heißt persönlich für jeden von uns
4.4 In Jesus der menschenfreundlichen Liebe Gottes zu begegnen
Jesu vertrauter Umgang mit den Menschen wird uns dabei helfen. Als Johannes sich wehrt Jesus zu taufen - „Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir“ - antwortet Jesus: „Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen.“
Hier zeigt sich, dass Jesus ganz Mensch ist. Kardinal Neumann sagt einfühlsam von ihm, „Er werde sich nicht von ihnen trennen und als ein höheres Wesen zur Schau stellen, sondern ihr Bruder sein; Fleisch von ihrem Fleisch, einer unter vielen Brüdern, der aus ihrer Mitte kommt und zu ihnen gehört.“
Jesus ist zwar „der Herr aller“, wie Petrus verkündet, und zugleich „unser aller Bruder“.
Deshalb können wir mit Kardinals Newman zu Jesus sagen: „Du hast uns nicht allein geliebt als deine Geschöpfe, als das Werk deiner Hand, sondern als Menschen. Du liebst alle, denn alle hast du erschaffen, den Menschen aber liebst du über alles.“
5 Wer ist Jesus für mich? Versuchen wir mit dieser Frage einmal eine Woche zu leben.
Kardinal Newman möchte uns dabei helfen: Jesus ansprechend betet er, „Du bist mein älterer Bruder. Was sollte ich fürchten? Du bist jetzt im Himmel noch derselbe wie einst auf Erden: Der allmächtige Gott und doch das kleine Kind - der Allheilige und doch ein fühlender, ein ganzer Mensch.“

[1] Jes. 42,5a.1-4.6-7. Apg 10, 34-38  Mt. 3,13_-17.
[2] Apg 10,38
[3] Apg 10,35
[4] EG 120
[5] vgl Mt 28,19
[6] EG 265